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Eintrag vom 27.12.2003 / 13:01
Die Liebe in den Zeiten des Internets (2)

1
Es gibt schon kulturelle Zynismen, die einem nicht liegen, und dennoch steigen sie als lauernde Empfindungen hoch: da? eine Liebe vor?ber ist - offenbar, scheinbar, wer wei? das schon? -, ebnet den Weg zu dem Buch, denn nichts Unabgeschlossenes lie?e es nun noch eine andere Richtung nehmen; es gibt auch keine notwendige R?cksichtnahme mehr auf ?Beziehung?: Keine Verletzung der geliebten Frau ist m?glich, die einen davon abhielte, sie umzukneten, ihr also Eigenschaften zuzuschreiben, die sie nicht hat, ihr Erlebnisse an Leib und Geist zu k?ssen, die dem realen Vorbild gar nicht entsprechen usf. Insofern die Handlung eine bestimmte ist, wird die Person unbestimmt, schillernd: Sie mu? auf eine Weise geformt werden, die sie im begrenzten Rahmen eines Romanes real macht, w?hrend die/ihre Wirklichkeit eine potentiell unbegrenzte ist; die im Roman real lebende Figur h?tte in der Wirklichkeit keinen Atem. Der Zynismus liegt nun darin, da? die wirkliche, pulsierende, geliebte Person zu Material gemacht, sich also selbst entfremdet wird. Darin wirkt auch Gewalt: Man entstellt den Menschen, um ihn literaturf?hig zu machen, und zwar ganz ebenso, wie die ?wahren? Briefe entstellt, d.h. umgeschrieben, zurechtgeschliffen und um genau das beraubt werden, was in der Realit?t diese magische, seelische Strahlkraft war, aufgrund derer die Liebe so innig wurde. Damit also im Roman die Liebe aufleuchtet, mu? ihre faktische Realit?t gestrichen werden. Das ist der Grund, weshalb ich niemals ?ber eine Frau schrieb, w?hrend ich noch mit ihr zusammenwar. Erst die Entfernung erlaubt es zu formen. Wer dies mi?achtet, kann, f?llt mir gerade mit leisem Schrecken ein, damit rechnen, da? er vermittels eines Romanes (eines Bildes/einer Skulptur) seine Beziehung beendet.

2
Keine datischen Zuweisungen und keine Absenderangaben; nur immer der Text im dialogischen Wechsel der Stimmen. Wenn und wo etwas geschrieben, von wo etwas gesendet ist, ergibt sich allenfalls aus Text und Kontext, vielleicht mit Ausnahme der Sizilienbriefe. Aber auch da bin ich mir noch nicht sicher. Die ?Erlebnisse?, vielleicht auch einige Notate werden zwischen die Dialogsegmente geschrieben, als unausgewiesene Tagebucheintr?ge vielleicht, vielleicht auch als innere Monologe. Und: Wie behandle ich die (bisweilen die ?Handlung?, auf jeden Fall die Beziehungsdynamik strukturierenden) Telefonate? Eisenhauer gestern, dem ich ein bi?chen was aus den Entw?rfen vorlas: Du solltest eine Bildbeschreibung hineinnehmen, etwas, wor?ber Julia und Julian diskutieren... das g?be dem Roman einen im Wortsinn Rahmen. ? Ich denke jetzt aber, da? dergleichen die Abgeschlossenheit der Liebesgeschichte blo? verdoppelte.

3
Wichtig ist, da? ?Die Liebe in den Zeiten des Internets? sich in den ANDERSWELT-Komplex einf?gt; etwa ?ber ein Treffen der beiden Liebenden in Frankfurt am Main, von wo aus sie ?ber den Eisernen Steg auf die ?le de la cit? spazieren. Oder es gibt in London eine Ausstellung von Arbeiten Fichtes, zu der er zu Fu? aufbricht. Wie aber integriere ich dann die sehr realistische Flugreise nach Catania? Das wird ein Problem werden. Der Text mu? naturalistisch wirken, darunter aber Fantastisches gl?hen. Das vielleicht sich einschleichen lassen: Alles beginnt wie Realismus und schiebt sich nach dem ersten Treffen der Liebenden - also gegen Ende des Buches, und zwar f?r beide unmerklich ? in den Fantastischen Raum, aus dem es ja, insofern es eine Cyber-Bekanntschaft war, auch entstand. Indem die Projektionen die Vorherrschaft gewinnen, n?mlich g e r a d e ?ber die reale Begegnung! -, dreht sich die Liebe in ihr Ende. Das w?re in der Tat eine fast neue Perspektive auf meine Grundfrage, was denn real sei.






 

 
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