Eintrag vom 19.03.2004 / 15:51 Paralipomena IX1
Womit Schirrmacher (daß ausgerechnet ich, lach, das einmal schreiben muß!!!) recht hat: �Die Tatsache, daß in Ländern, in denen nicht mehr so viele Kinder geboren werden, seit Jahren Jugendbücher wie �Harry Potter� an der Spitze der Bestsellerlisten stehen, läßt keinen Zweifel darüber zu, wer eigentlich diese Bücher liest.� Wozu beigefügt werden muß, daß solche Bücher auch von der Kritik empfohlen werden, der also an der Infantilisierung gelegen ist. Schirrmacher im SPIEGEL 12/2004 weiter: �Das Gleiche gilt für Revival-Kults bei Getränken, Nahrungsmitteln (�) - sie alle sind gleichsam der Erinnerungsinhalt einer Generation, die keine anderen historischen Erfahrungen gemacht hat und wie Peter Pan hofft, dem Altern zu entgehen, indem sie spielt.� Wenn Frau Löffler sich auf die Seite Harry Potters schlägt, dann heißt das eben auch, daß sie ihm als ihrem - asexuellen - Ich-Ideal die Urszene ersparen möchte� weshalb sie dann ganz logisch Bücher zu bannen versucht, die Übergriffe ins Erotische wagen. (Wie ich hörte, werden sie neuerdings bei ebay zu Höchstpreisen gehandelt.) Frauen hat ja insgesamt der Roman oft als Übergangsobjekt gedient. Deshalb ist Frau Löffler entschuldigt. Aber was sagt uns das über Herrn Karasek?
2
Spekulative Folgerung daraus (These):
Das Verhältnis irgend eines Pop-Songs zu einem Musikstück von Wolfgang Rihm entspricht dem Verhältnis der Vor-Pubertät zur Reife. Zu Techno gehört ja zudem fast unabdingbar eine Idealisierung des �modern primitivism�, d.h.: ein brutaler Regreß. Aber schon die unverhältnismäßige (und aufgrund ihrer Allgegenwart in Kaufhäusern und Cafés durchaus terroristische) Gegenwart einfacher Wiener-Klassik-Bastarde will die akustische Entwicklung auf dem Stand von Pubertierenden, wenn nicht von Vorschulkindern halten. Über die kulturelle US-Amerikanisierung qua Musik- und Filmindustrie ist diese infantile Tendenz technologisch so sehr beschleunigt worden, daß einer musikalischen Bildung kaum Raum bleibt. Der Mensch wird ästhetisch unreif gehalten. Könnte solche ästhetische Unreife mit unkritischer Konsumhaltung korrespondieren? Dann wäre am Alter gesellschaftspolitisch etwas ganz anderes skandalös, als Schirrmacher meint.
3
Bacon in Basel, Nachgang:
Bilder als Palimpseste für in Symbole aufgelöste, dahinterliegende Wirklichkeiten.
4
Idee für eine Kurzgeschichte:
Es werden Werbetexter, - grafiker, aber auch Produkt-Innovatoren umgebracht, weil sie die edlen Namen von Naturgeistern mißbrauchten, z.B. Ariels.
5
�Nein, ich will an Bord keine verständliche Dichtung, auch nich Voodoo oder Initiationsriten. Sondern etwas Unmittelbares, das nicht so leicht durch das Wort zu verknüpfen ist, etwas, das frei ist von Tradition, damit endlich das, was jede Tradition verschleiert, wie ein Säbel aus Plutonium durch einen mit Geschichten bemalten Wandschirm stößt.� Julio Cortázar, Die Gewinner. Und: �Ja, Sie haben recht. Man müßte so einfach sein wie ein Rutengänger oder aber das völlige Gegenteil. Wir haben solche Angst vor möglichen Ausbrüchen, davor, daß unser konstbares alltägliches Ich verlorengehen könnte�� Also: �Seien wir barmherzig, wenn wir vom Ich reden.�
NACHSATZ
�Charlotte de Lusignan� beendet, die jetzt schlicht �Auf ein Bild von John Collier� heißt.
www.albannikolaiherbst.de
www.amazon.de/exec/obidos/search-handle-url/index=books-de&field-keywords=alban%20herbst&bq=1/ref=sr_aps_all/302-1511374-7242462
|