Eintrag vom 23.03.2004 / 08:08 Das Schöne ist, daß man nicht fliehen kann.Es ist einfach sinnlos. Wer das akzeptiert hat, dem fallen … ich sag Ihnen: L a s t e n!! von den Schultern. So geht es neuerdings mir. Denn nichts lenkt einen besser ab als ein bewegtes Bild, dem bewegte Bilder folgen.
Das kennen Sie doch auch, zum Beispiel in italienischen Restaurants. Im Urlaub, sagen wir in Kalabrien: Vor Ihnen steht eine die zuppa di pesce, doch während Sie dabei sind, Ingredenzien herauszuschmecken, wuselt da irgend etwas ganz hektisch an der Seite Ihres Blickfelds herum. Das kann noch so nebensächlich sein… ja schlimmer: je nebensächlicher es ist, desto nachdrücklicher zieht es Ihre Konzentration von dem Genußmittel ab. Da geben Sie irgendwann auf, Ihr Gaumen hat einfach keine Chance.
Die gastronomischen Hintergründe sind unterdessen bekannt: Ein joint venture der mediterranen Nahrungsmittel-Industrie, die sparen sollte wie wir und deshalb auf Massenversorgungsmittel umstellen mußte, mit RAI 1. Denn die Begeisterung des Italieners für Fußball, Autos und Frauen – ja, in dieser Reihenfolge – wird von seiner Leidenschaft fürs Essen noch übertroffen. Das machte, weil so exzessiv, die Sache für den Inlandstourismus sehr teuer. In Zeiten zunehmender Verschuldung war die gute italienische Küche also volkswirtschaftlich nicht haltbar. Man wollte sich außerdem dem europäischen Temperament, das ein US-amerikanisches ist, auch kulinarisch alliieren. Da nun Italiener das Fernsehen sogar dem Essen noch vorziehen, war es nicht schwierig, für alle Beteiligten eine glückliche Lösung zu finden. Seither stirbt die klassische mediterrane Küche langsam aus, aber weil niemand das merkt, leidet auch keiner darunter. So etwas ist ausgesprochen human. Und die Humanität dem Fernseher zu danken. Also Demokratie, wohin man auch schaut.
Liegt da nicht der Gedanke nahe, auch hierzulande werde versucht, den Schmerz einer für Genießer unangenehmen Entwicklung vermittels Glotze zu mildern? Daheim kennen wir das ja seit langem: Der Druck auf den Schalter fürs Abendprogramm spült in die müdeste Ehe den Hauch von Leidenschaft zurück. Plötzlich ist man Til Schweiger und muß nicht seine Putze küssen, sondern darf das mit Franka Potente tun. Und Andres. Ich meine, das ist nicht nur was für Herta-Fans. Da mag man die glückhaften Abende nicht enden. Das Frühstücksfernsehen zumal wehrt erfolgreich jedem Muffeln. Manche Haushalte lassen den elektronischen Paar-Psychologen dauerhaft therapieren. Deshalb neigen freilich konservativere und starre Charaktere wie meiner dazu, Besuche bei Freunden zu unterlassen. Schließlich hab ich mein Fernsehgerät schon vor drei Jahren aus dem Fenster gepfeffert. Aber ich leb ja auch allein. Und es kam mir einfach zu oft auch im Schauspiel vor. Ich mochte diese dauernde Wiederholung nicht, sie war mir verdächtig. Aber ich weiß auch warum: Weil ich mich im Inneren immer noch wehrte. Man muß sich aber fallen lassen. Denn was geschehen soll, geschieht.
Erst die BVG hat es nun vermocht, mich von meinem angestrengten Widerstand zu erlösen. Man kann der Welt, wie sie ist, nicht entkommen. Auch und gar nicht, wenn sie aus Bildröhren besteht. Selbst diese Glosse hier wird mir nichts nützen – und keine Warnung, die ich, ob zu Recht oder Unrecht, aussprechen werde. Das Fernsehen hat nun im Wortsinn Räder bekommen, man weiß gar nicht mehr, wo man hinschauen soll. Am besten haben es mittlerweile die von Blindenhunden Geführten. Denn noch sind am letzten Zufluchtsort dieser Welt, in der U-Bahn, die Fernseher stumm. Obwohl doch alles sonst, wie Thomas Bernhard einmal schrieb, von totaler Musik durchdrungen sei. Selbst die Bahnsteige vom ICE wimmern in klebriger Klassik.
Dabei hatte mir ich angewöhnt, lange Fahrten mit der BVG zu unternehmen. Zurück zur Zweiten Natur, war meine Devise gewesen. Man kann ja nicht immer fernsehabstinent Zuhause sitzen. Beim Einkaufsbummel aber begrüßten die Kästen mich überall… sogar an den Tankstellen schon. Da blieb als Fluchthorizont nur der durchschiente Untergrund. Der war eigentlich immer für wirkliches Leben gut: Mal ein Penner mit Lepra, mal paar Skins, deren pure Anwesenheit zu Schweißausbrüchen führte. Halt richtig basales Gefühl, irgendwie wie in Caracas heute. Und dann - nur, um von den Baustellen abzulenken? - dieses blöde Fenster Berlin…. Nein: “Berliner Fenster”. Das hat die Radikalen völlig eunuchisiert. Fahrten von Pankow nach Rudow bedeuten ganztägiges Vorabendprogramm. Was soll man jetzt noch in U-Bahnen t u n? Manche bringen schon Chips mit. Letztlich muß man das Monats-Abo kündigen. Das Berliner Fenster soll einen ganz offensichtlich um das letzte städtische Leben betrügen. Damit Frauen, die auch in tiefsten Regenwäldern um die Unschuld bangen, die ihnen niemals jemand nahm, in seligster Ruhe heimfahren können. Oder geht es doch nur um die Verspätung? Daß davon abgelenkt werden soll? Was will man sonst kaschieren? Den Kontrolleuren vielleicht Tarnung verschaffen? Tarnung durch Unterhaltung des Schwarzen Passagiers? Was ist das deutsche Äquivalent zur italienischen Küche? Die Pünktlichkeit? Worin sind wir, zumal in Berlin, M e i s t e r? Das frage ich Sie. Das könnte ein berechtigtes Thema des U-Bahn-Fernsehens werden.
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