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Eintrag vom 28.03.2004 / 08:11
Variation über ein eigenes Thema

Aber das Meer, aber Thetis! Immer wieder brandet es aus uns auf, hat längst die Kontinente gehoben, die auf ihm schwimmen, die inneren wie jene außen gebrochen und beide durchlässig gemacht. Gehen wir von der Nomentana zu Unter den Linden, kann es geschehen, daß rechts zwischen Schrittstein und Fahrdamm lauernd Wasser steht. Es ist durch die Fugen gequollen und einen seltsamen Löß auf der Zeil. Ins Grundwasser hinaufgesickert, leckt es an Piccadilly Circus‘ Pflaster. Niemand achtet darauf, es w i l l niemand achten. Wir mögen nicht sehen, wie alles um uns her längst überflutet ist. Man tut so, als sperrte die Europäische Mauer die Meermutter dauerhaft weg, die sich seit je an uns stillt. Bückst du dich nämlich und berührst die Lache und kostest vom Finger, dann schmeckst du - zweifellos Salz. Metall auch, hämatin... gewiß; vor allem aber: Salz. Das stammt nicht von oben, sondern unten ist es der permanenten Schöpfung entquollen, ein Erdblut, das monatlich, mondlich, austritt. Es ist vergeblich, unsere Städte abzudichten: Preßt sich zivilisierende Gewalt allzu stark aufs Fundament, dann reißen Fassaden, und Häusern bluten die Ohren:: Schon hat das Archimedische Prinzip die äußeren Gestade unserer Körper erfaßt, immer waten wir, wenn wir gehen; meistens sogar muß man durch die Straßen s c h w i m m e n, es kämpft sich gegen die Strömung schwer, die die Menschen, je weniger sie spüren, um so lastender erschöpft. Müde und ums Bewußtsein geschlagen, versinken sie abends in ihren Fernsehcouchen oder tauchen in den Clubs ein - sacken also bloß anderswo in ihre Innere und untern Meeresspiegel der Äußeren See. Es ist eine Unaufhörlichkeit um uns her, der erliegt, wer sich nicht lüstern in die gischtende Zeit wirft. Den andren zieht die Tide ja dennoch hinaus, wenn zwar die Thetissee seinen Körper noch nicht fassen kann: Einstweilen schützt den Mann unsere Mauer. Doch jenseits, auf der Dünung, brandet Leben aus immer neuem Leben, überfließt und überwogt es sich, ist ein tosendes Lachen und Jammern, Zerstückeln und Bilden, Schöpfungsfluten, Schöpfungsebben, die Abenteurer wie Poeten mit sich reißen als Treib- und ein Surfgut, das die Brecher über die Sturmsee heben, ihre Seelen gleiten unter der rauschenden Wölbung hindurch, die der andren schmettern herab, und abermals hebt ein Brecher sie an: Jede Mauer, gegen die das prallt, zerbirst mit ihnen. Rauschhafte Seefahrt ist unser letztes SOS. Rettet eure Seelen, und baut euch kein Haus.




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