Weblogbuch

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Eintrag vom 27.01.2004 / 20:22
Zur �Philosophie� des Weblogbuchs

... darf man ja wohl schreiben, nachdem sich ganze Firmen nicht entbl?den, von ihrer �Unternehmensphilosophie� zu sprechen, womit bestenfalls der S t i l eines Hauses gemeint ist, schlimmstenfalls eine Art Kirchenideologie, die man �corporate identity� nennt und direkt aus dem Selbstverst?ndnis des Heeres abgezogen hat.

Also:
1) hat es noch nie einen Tagebuch f?hrenden Schriftsteller gegeben, der es n i c h t auf Ver?ffentlichung abgesehen h?tte. Ich nehme hier auch nicht Leute wie Kafka aus, die dann sp?ter in einer Mischung aus Diskretionspanik, Verklemmtheit und Hysterie die beschriebenen Seiten verbrannt sehen wollen... ein ja nun g a n z perfider Trick, Entzugsdynamiken auszul?sen, --- ob das nun aufgrund eines bewu?ten Entscheids oder unbewu?t wirkender Handlungsenergien geschieht, ist eigentlich � f?r den Gegenstand � schnuppe. Bewu?t oder unbewu?t sind von K?nstlern gef?hrte Tageb?cher dokumentarisch immer heikel, weil strategisch verfa?t... selbstverst?ndlich ?berlege ich mir vor einem Eintrag, wer ihn lesen k?nnte und welche Schl?sse daraus zu ziehen seien... insbesondere jetzt, w?hrend der Proze? wegen des Wellenbuches weiter und weiter vor sich hinschwelt. Schriebe ich also �Dem aufgetrieben Fiktionalen ist das radikal Dokumentarische zur Seite zu stellen, damit sich erweist, da? der Unterschied auf einem Irrtum der Hinsicht beruht, so da? sich die literarische Welt runden kann�, dann gereichte mir derartiges zum Nachteil, und zwar auch dann, wenn ich mit Fug und Recht dagegenhalte, der Eintrag sei ja nicht von mir-pers?nlich, sondern von mir als Deters verfa?t worden. Nicht einmal, wenn ich den-Satz-selbst zur Dichtung erkl?rte, z?ge mir das den Hals aus der juristischen Schlinge... ja nicht einmal, gest?nde ich, eigentlich ganz anderer Meinung zu sein und dies hier?ber nur aus strategischen Gr?nden geschrieben zu haben... Interessant ist nun an dieser ?berlegung, da? dann offenbar das strategisch verfa?te Tagebuch als Dokument gelesen wird, und zwar aus keinem anderen Umstand als dem, da? es �Tagebuch� h e i ? t. Witzigerweise wird derselbe Fehlschlu? bei einem Roman n i c h t gemacht, den darf man f?r dokumentarisch u n d fiktiv halten. Das ist ?brigens der Grund daf?r, weshalb sich dieses Weblogbuch unter �Dichtungen� findet... ich hab daran lange herum?berlegt.
2) Wenn das stimmt, und das Tagebuch eines jeden Schriftstellers �will� ver?ffentlicht werden, dann ist das Internet der nun wirklich am besten geeignete Platz... und zwar deshalb, weil einzig hier dem Tagebuch noch eine gewisse Spontaneit?t einger?umt werden kann, etwas, das die scheinbare Unmittelbarkeit beh?lt, die einem Eintrag voranging... also was das Bed?rfnis sch?rte, den Eintrag zu formulieren. Das w?rde ja bei einer sp?teren Bearbeitung zwecks Ver?ffentlichung als Buch verloren gehen. So kann im Weblogbuch der innere Motor eines Tagebuches mit seiner literarischen Absicht zusammenschmilzen... wie ?berhaupt das Internet sehr viele Ans?tze realisieren zu k?nnen scheint, die das poetische Arbeiten seit je schon vorantreiben... sogar die Projektion von Geliebten findet in den Cyberr?umen ihre nicht nur Entsprechung, sondern eben tats?chlich auch Realisierung. Unsere ganzen Vorstellungen von �Entfernung� und �N?he� werden literarisch torpediert. Das zu protokollieren kann ein Weblogbuch ebenfalls dienen... man untersch?tze nicht die Schnelligkeit des Zugriffs... jemand anderes kann zur genau rechten Zeit einen Ball aufnehmen und geschickt (oder ungeschickt) weiterspielen, der � m??te auf die Buchpublikation gewartet werden � l?ngst erkenntnistheoretischen Schimmel angesetzt haben k?nnte... und es ist ja falsch anzunehmen, etwas, das G?ltigkeit besitze, habe sie auch in vier Jahren noch... g r u n d falsch, weil es Wahrheiten gibt, die im Moment wahr sind, in zwei Stunden aber schon falsch...







www.albannikolaiherbst.de
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Kommentar von p. am 28.01.2004 / 16:33

und es ist ja falsch anzunehmen, etwas, das >G?ltigkeit besitze, habe sie auch in vier Jahren noch... g r u n d falsch, weil es Wahrheiten gibt, die im Moment wahr sind, in zwei Stunden aber schon falsch... <

D i e Wahrheit verachten, das Irren und Spielen
und Phantasieren lieben!
"Wieso? Wenn ich spannende Geschichten erz?hle, dann l?ge ich doch nicht." sagte Erich K?stners P?nktchen zu ihrem Vater, dem Spazierstockfabrikanten.... Diesen Satz, Schwarz auf Weiss gedruckt, formuliert von einem in den F?nfzigern als moralp?dagogisch wertvoll gepriesenen Autor, hielt ich meinem Vater unter die Nase, als er mir meine "L?gen" vorhielt.
Sein Kommentar: "K?stners B?cher sollte man heute wieder verbrennen und ihn wegen Verf?hrung Minderj?hriger vor Gericht stellen."

***

>Interessant ist nun an dieser ?berlegung, da? dann offenbar das strategisch verfa?te Tagebuch als Dokument gelesen wird, und zwar aus keinem anderen Umstand als dem, da? es ?Tagebuch? h e i ? t<

Als Dokument f?r was denn nur?
Sobald ich Erlebnisse, Wahrnehmungen, Tr?ume, Stimmungen, Gef?hle, Dialoge, Gedanken, Atmosph?ren schriftlich verworte, ver-orte, grenze ich ein, w?hle ich aus, reduziere ich, interpretiere ich, konstruiere ich, maskiere ich Komplexes, Unsagbares mit Sagbarem ... tu ich so als ob
"Bl?hende Phantasie" ist in abendl?ndisch-christlich gepr?gten Schrift-Gesellschaften ein moralisches Verdammungsurteil, in orientalisch und durch Freude an m?ndlicher ?berlieferung gepr?gten
Gemeinschaften ist es ein fr?hliche Anerkennung...
Gerster, Ackermann, R. Berger, U. Schmidt .. et aliter sollten hochdotierte Phantastikpreise verliehen und daf?r gesorgt werden, dass ihre weiteren Einf?lle nicht nackte Wahrheit werden.
Korruption muss sich f?r alle lohnen, nicht nur f?r 20% der tops of the pops, wenn wir bl?hende Landschaften wollen.

p.


 

Kommentar von Nikolai Vogel am 28.01.2004 / 18:12
http://www.nachwort.de


Ein spannendes Thema, mit dem ich mich implizit auseinandersetze, seit ich ein begonnen habe ein Webblog zu schreiben. Die Frage nach der Philosophie oder mehr noch zur Poetologie des Webblogs. Warum stellt man sich darin aus und in wie weit hat dies mit Exhibitionismus zu tun?
Ger?t man durch ein Webblog nicht noch mehr in Zugzwang, sich ?u?ern zu M?SSEN. Wird doch von den Schreibenden schon jetzt verlangt, dass sie sich mitteilen zu jedem schlimmeren Begebnis der Weltgeschichte ? wodurch die allgemeine Geschw?tzigkeit ungeheuer zunimmt, ob es wirklich etwas zu sagen gibt oder nicht.

Anders als mit der Beharrlichkeit und Konzentration mit der ein Schriftsteller lange an einem Text f?rs Buch arbeiten kann, ver?ffentlicht er hier Tag f?r Tag spontan und in unregelm??iger Folge ? mehr noch als ein Tagebuch vielleicht eher die zeitgen?ssische Form der Cahiers oder des Sudelbuchs -und es bleibt abzuwarten, in wie weit er daran gemessen werden wird und werden will. Das Webblog und seine Unmittelbarkeit sind so auf der einen Seite ein Risiko f?r ihren Schreiber, umso gr??er, je bekannter er ist. Auf der anderen Seite sind sie vielleicht damit aber auch in der Lage die literarische ?ffentlichkeit, von der es so oft hei?t, sie sei immer mehr abhanden gekommen, wieder herzustellen ? zumindest ein kleines St?ckchen herauszutreten aus dem Schutz der Verlage und dem Kalk?l des Verkaufs. Vielleicht.

Nikolai Vogel / www.nachwort.de


 

Kommentar von Nikolai Vogel am 30.01.2004 / 00:30
http://www.nachwort.de


Die Diskussion mit Oliver Gassner interessiert mich. Ich konnte sie allerdings nicht finden. Weder auf carpe.com/bm noch auf dem Welblogbuch hier, das nicht weiter zur?ckverfolgbar ist als bis zum 6. Dezember. Da der Eintrag dort aber "Zwischennachricht" hei?t, fing es wohl fr?her an?

Ein Forum an dieser Stelle w?re verlockend ? meine Eindr?cke von Versuchen mit Foren sind allerdings zwiegespalten, das Gelingen h?ngt mit einem Mal von viel mehr Faktoren ab, als z.B. das des Schreiben eines WebBlogs.


 

Kommentar von ANH am 30.01.2004 / 10:50

L?chelt, doch, das ist sogar sehr einfach r?ckverfolgbar: Klciken Sie auf Weblog-Archiv 11/2003, dann ?ffnet sich der Gesamttext. Und geben Sie ?ber "Seite durchsuchen" "gassner" ein. Schon sind Sie da. Auf bald, ANH


 

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