Eintrag vom 09.03.2004 / 10:58 Paralipomena VIII1
In Händels italienischen Opern ist wie kaum irgendwo sonst spürbar, wie nah Trauer und Ironie zusammengehen können, oft in einer einzigen Person und oft so, daß die Ironie, ja die Spottlust das ganze Ausmaß der sie auslösenden Trauer überhaupt erst hervorgraben: Der Spaten ist die (orchestrale) Musik, bisweilen wird aber zum Spatel einer einzigen Violine gegriffen. Das Verschiedene aufeinanderzuzwingen und auf diese Weise hochverdichtete, gleichermaßen massive wie flüchtige und deshalb ganz nah vor ihrer Detonation zitternde Wahrheiten in Kunst zu fassen, ist eine der großen Stärken des Barocks. Und davon hat die Postmoderne, wo sie ernsthaft ist, gelernt, das wiederholt sich, wenn auch auf anderem Bewußtseinsniveau.
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Übernehmen Mezzosopranistinnen oder Altistinnen eine für einen Counter geschriebene Rolle, hab ich oft den Eindruck, es werde z u t i e f gesungen. Dieser höchst eigenartige Eindruck hat etwas viel Künstlicheres, Manieriert-arztifizielleres als die Kunststimme eines Counters selbst, der ja - zu seiner eigentlichen Zeit - kastriert sein mußte, also als Mann vollkommenes Kunstprodukt war, ein eigens für den Gesang geschaffener Wallach.
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Der Vorliebe für den Counter im Barock entspricht die Vorliebe der Postmoderne für mutilations. Neulich unterhielt ich mich sogar mit einem Barkeeper, der sich vom Zahnarzt hatte porzellanene Vampirzähne einsetzen lassen... und er sah sehr schön damit aus: Wie eine den Naturprozessen abgerungene mythische Person. Auf derselben Linie dürften einige der neuen Geschöpfe liegen, die die Gentechnologie in gar nicht mehr entfernter Zukunft schaffen wird (und vielleicht längst geschaffen hat). Es werden nicht mehr mechanische Geschöpfe sein, die unter Mißbildungen leiden wie Fankensteins �Ungeheuer�, sondern sie werden sich durch Einsamkeit und Eleganz auszeichnen . In ihnen verläßt Kunst den Raum des Imginären endgültig.
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